HAGE – Hessische Arbeitsgemeinschaft für Gesundheitsförderung e.V.

29.06.2022 – Fachtagung "Gesund altern in der Kommune: Förderung von Gesundheit in kommunalen Sorgestrukturen”

Mit der Fachtagung “Gesund altern in der Kommune – Förderung von Gesundheit in kommunalen Sorgestrukturen” am 29.06.2022 in der Kongresshalle Gießen wurden die Themen der Gesundheitsförderung und Prävention im Bereich Alter in der Kommune aufgegriffen. Ziel der Veranstaltung war es, die Teilnehmenden für das Thema Gesundheitsförderung in den kommunalen Sorgestrukturen zu sensibilisieren, fehlende und vorhandene Strukturen zu reflektieren sowie Möglichkeiten der Umsetzung aufzuzeigen.
 

Begrüßung

Der Hessische Minister für Soziales und Integration Kai Klose hielt zu Beginn in seiner Videobotschaft fest, dass für Gesundheitsförderung und Prävention in der zweiten Lebenshälfte wichtige Anknüpfungspunkte im kommunalen Umfeld bestehen. Denn die Bedürfnisse nach Unterstützung entstehen in den Stadtteilen, Wohnvierteln und Nachbarschaften.
 

Videobotschaft von Kai Kose, Hessisches Ministerium für Soziales und Integration

 

 

Dr. Katharina Böhm, HAGE

In dem anschließenden Interview erörterte Dr. Katharina Böhm, Geschäftsführerin der HAGE, dass im Sinne der „Health in All Policies“-Strategie Prävention, Gesundheitsförderung und gesundheitliche Versorgung nicht allein Aufgaben des Gesundheitssektors sind, sondern in allen Themenfeldern öffentlichen Handelns verfolgt werden sollten.
 

Einführung

Thematisch führte Frau Elke Dahlbeck, Institut für Arbeit und Technik, mit dem Impulsvortrag „Gesundheitsfördernde Kommunen für mehr Lebensqualität im Alter“ in den Tag ein. Es wurde deutlich, dass vielen Kommunen eine herausfordernde Rolle bezüglich der Bewältigung des sozio-demografischen Wandels bevorsteht. Das Quartier stellt dabei eine der wichtigsten Lebenswelten dar, um die Zielgruppe der älteren Menschen mit gesundheitsfördernden Maßnahmen zu erreichen. Daher sind integrierte Ansätze für eine gesundheitsfördernde Kommunalpolitik unverzichtbar. 

Elke Dahlbeck, Institut für Technik und Arbeit

Frau Gabriele Mertens-Zündorf von der Bundesarbeitsgemeinschaft der Seniorenorganisationen e. V. (BAGSO) stellte in ihrem Vortrag das Projekt „Im Alter IN FORM: Beratungsangebote für Kommunen“ vor und verdeutlichte, dass ältere Menschen in ihrer Lebensphase unterschiedliche Bedarfe haben. Mit den Beratungs- und Unterstützungsangeboten unterstützt das Projekt Kommunen bei der Förderung der Gesundheit älterer Menschen auf kommunaler Ebene. Das Schulungsangebot zielt auf Akteur*innen in der Seniorenarbeit ab und enthält fachliche Grundlagen zu Ernährung, Bewegung, Mund- und Zahngesundheit im Alter. Der Informations- und Erfahrungsaustausch dient dabei den Akteur*innen in vielen Handlungsfeldern.

Gabriele Mertens-Zündorf, BAGSO

Frau Dr. Kirsten Kemna vom Zwar e. V. - Zwischen Arbeit und Ruhestand stellte in ihrem Vortrag „Aufbau von selbsttragenden Gesundheitsnetzwerken zur Verbesserung der Prävention und Gesundheitsförderung alternder und älterer Menschen im Quartier“ die Herausforderungen und Anknüpfungspunkte zur Gesundheitsförderung bei Menschen ab 55+ beim Übergang der Erwerbstätigkeit in den Ruhestand dar. Mit der Verrentung gehen Lebensveränderungen wie der Wegfall sozialer Kontakte, die Sinnhaftigkeit durch den Beruf und die Umstrukturierung des Tagesablaufs einher. Der Verein ZWAR e. V. verfolgt Ziele wie die Förderung der individuellen Gesundheitskompetenz und Teilhabe älterer Menschen, Identifikation gesundheitsfördernder Strukturen in den (Wohn-)Quartieren und die Begleitung bei der Umsetzung von entwickelten Maßnahmen. In Entwicklungswerkstätten werden vor Ort Themen, zum Beispiel die Digitalisierung in der Gesundheitsförderung, partizipativ erarbeitet und konkrete Handlungsempfehlungen und Maßnahmen abgeleitet.

Dr. Kirsten Kemna, ZWAR e.V.

Fachforen

In vier Fachforen am Nachmittag beschäftigten sich die Teilnehmenden mit den Aspekten: Bewegung und Begegnung, Präventionsnetze im Alter, soziale Orte, Präventionsnetze mit Sorgestrukturen verbinden. In den Fachforen wurden jeweils zwei Praxisbeispiele aus dem städtischen und ländlichen Raum vorgestellt. Fragestellungen waren, wo Anknüpfungspunkte der Gesundheitsförderung in der Kommune sind und wie man dies zu einer Gesamtstrategie entwickeln kann.

Fachforum 1: Bewegung und Begegnung

Frau Heidi Weinrich, kommunale Altenplanerin der Stadt Offenbach, stellte in ihrem Vortrag „Gutes Altern durch Bewegung – Möglichkeiten kommunaler Intervention“ Bewegung und Begegnung in den Mittelpunkt. Beide Aspekte sind zentral für das Altern in guter Lebensqualität. Chronische Erkrankungen werden verringert, das psychische Wohlbefinden verbessert sich und die Pflegebedürftigkeit wird bestenfalls hinausgezögert. Heidi Weinrich zeigte, welche konkreten kommunalen Interventionen die Stadt Offenbach entwickelte. Es wurden Forderungen im kommunalen Altenplan formuliert, ein Offenbacher Bewegungsprogramm 50+ eingeführt und ein Modellprojekt in Kooperation mit der HAGE durchgeführt. Das Modellprojekt hatte das Ziel, bewegungsfördernde Strukturen für ältere Menschen in der Lebenswelt auf- und auszubauen. Nach einer Bedarfs- und Bestandanalyse wurden stadtweit neue niederschwellige Bewegungsangebote vom Rollator-Fit Kurs über verschiedene Gymnastikkurse bis hin zu Dart angeboten. Zudem etablierte sich eine Steuerungsgruppe als Netzwerk in der Stadt und werden die entwickelten Bewegungsangebote unter “Bewegt älter werden in Offenbach” weitergeführt. Das Modellprojekt wurde finanziert von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA).

Heidi Weinrich, Stadt Offenbach
Felix Weber, HAGE

Herr Felix Weber, Referent für Gesundheitsförderung bei der HAGE, stellte den „Impulsgeber Bewegungsförderung - ein digitales Planungstool zur Entwicklung einer bewegungsfreundlichen Kommune für ältere Menschen“ der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung vor. Hintergrund war ein Planungstool zu entwickeln, welches Akteur*innen bei einem Auf- und Ausbau bewegungsfreundlicher Strukturen für ältere Menschen in der Lebenswelt Kommune unterstützt und begleitet. Die modular aufgebaute Toolbox (= Impulsgeber Bewegungsförderung) enthält Instrumente zur Bestands- und Bedarfsanalyse, eine Projektsammlung mit Maßnahmen auf individueller und struktureller Ebene und Informationsmaterialien mit Arbeitshilfen.
Der Impulsgeber Bewegungsförderung wurde gemeinsam mit Expert*innen sowie Modellregionen und anschließender Qualitätssicherung entwickelt. Zurzeit findet die Pilotierung und Implementierung des Impulsgebers in drei Modellregionen unterschiedlicher Interventionsebenen in Hessen statt: LK Waldeck-Frankenberg, Stadt Kassel, Gemeinde Oberzent (Odenwaldkreis). Der Impulsgeber ist bereits frei zugänglich unter www.aelter-werden-in-balance.de/impulsgeber-bewegungsfoerderung

Fachforum 2: Präventionsnetz im Alter

Frau Anke Bode, Altenhilfeplanerin des Landkreises Peine, präsentierte das Präventionsnetz für ältere Menschen „Gesünder und gelassen älter werden“. Hintergrund war, dass die BZgA für die gesamte Lebensphase des Alters das Bild eines Präventionsnetzes entwickelte, in dem drei Übergänge im Alter in den Blick genommen werden: Übergang vom Erwerbsleben in den Ruhestand, Eintritt von Pflegebedürftigkeit und Tod eines geliebten Menschen. Diese drei oft einschneidenden Lebensereignisse können genutzt werden, um Gesundheitsförderung und Prävention für ältere Menschen vor Ort vernetzt zu planen und umzusetzen. So wurde das Peiner Netzwerk-Projekt „Gesünder und gelassen werden im Alter“ unter anderem mit der Kreisvolkshochschule, dem Kreissportbund sowie dem Senioren- und Pflegestützpunkt durchgeführt. Angebote zu den Themen der eigenen Lebensgeschichte, zur Bewegung, Trauer sowie Bankgeschäfte und Versicherungen sind Teil des Projektes. Landkreis Peine | presse-service.de

Dr. Matthias Heuberger, IZGS
Carolin Becklas, HAGE, moderiert das Fachforum.

Herr Dr. Matthias Heuberger, stellvertretender Geschäftsführender Direktor vom IZGS, machte darauf aufmerksam, dass mit zunehmendem Alter durch Verwitwung und Entberuflichung die individuellen Netzwerke schwinden können und so ein Risiko sozialer Isolation besteht. Diese hat wiederum negative Auswirkungen auf die Gesundheit und Lebensqualität. Moderne Netzwerkarbeit ist in dem Zusammenhang besonders wichtig, um ältere Menschen in die Gemeinschaft einzubinden und Teilhabe zu ermöglichen. Ein Erfolgsfaktor ist die Verbindung von selbstorganisierten Netzwerken von Seniorinnen und Senioren mit professionellen Akteuren, wie Wohlfahrtsverbände und Kommunen. So können Potenziale besser genutzt werden und Bedarfe der Seniorinnen und Senioren durch professionelle und selbstorganisierte Angebote gegenseitig gedeckt werden.

Fachforum 3: Soziale Orte

Herr Dr. Jürgen Römer erläuterte in seinem Vortrag „Das Soziale-Orte-Konzept – Neue Infrastrukturen für gesellschaftlichen Zusammenhalt im Kreis Waldeck-Frankenberg“ zu Beginn, dass soziale Orte “Orte der Begegnung, der Kommunikation und des Miteinanders” sind. "Die unterschiedlichsten Menschen kommen hier im öffentlichen Raum zusammen, um gemeinsam etwas zu unternehmen, aufzubauen oder zu erhalten. […]“. Soziale Orte lassen sich nicht „bauen“, können jedoch in ihrer Herausbildung unterstützt werden, zum Beispiel durch Infrastrukturen für Wissen und politische Weichenstellungen. Dr. Jürgen Römer betonte, dass ein wichtiges Anliegen des Soziale-Orte Konzepts daher die Schaffung von Gestaltungsräumen, Strukturen der Selbstermächtigung und Selbstorganisation sein soll. Dafür braucht es Instrumente für dialogische und diskursive bzw. kooperative Planungsprozesse, welche eine Aktivierung der Partizipation ermöglichen, integrierend statt funktionstrennend agieren und so viele Akteur*innen einbinden, anstatt durch Wettbewerb auszuschließen. 

Dr. Jürgen Römer
Elisabeth Terno, HAGE, moderiert das Fachforum.

Frau Felicitas Becker-Kasper, Seniorenreferat der Evangelischen Kirche in Kassel stellte das Angebot „GRIPS – Kompetent im Alter“ vor. GRIPS ermöglicht älteren Menschen ein wohnortnahes Angebot, um Gedächtnis, Konzentrationsvermögen, Beweglichkeit und Gleichgewicht zu trainieren. Seit 2007/2008 wird das Projekt im Referat für Altenhilfe des Sozialamtes und des Seniorenreferats der Evangelischen Kirche geführt.  Insgesamt konnten über 70 GRIPS – Trainer*innen ausgebildet werden, welche über zwanzig GRIPS Gruppen leiten. Dieses Projekt besteht nunmehr nachhaltig und dauerhaft. Während dem Vortrag konnten die Teilnehmenden bei Mitmach-Übungen das Angebot ausprobieren.

Fachforum 4: Präventionsnetze mit Sorgestrukturen verbinden

Herr Torsten Anstädt stellte in seinem Vortrag „Quartiersmanagement Netzwerkarbeit – Präventionsnetze mit Sorgestrukturen verbinden“ die Arbeit seines gemeinnützigen Unternehmens HumaQ gGmbH vor, das für Humanität im Quartier steht und Akteur*innen in der Quartiersentwicklung unterstützt. Es hilft, den Sozialraum analog und digital besser zu verstehen, zielgerichtete Quartiere im Aufbau und der Strukturierung zu fördern, eine nachhaltige Quartiersentwicklung sowie bei der Pflege und Weiterentwicklung von Quartieren zu begleiten. Ziel ist ein starkes und gut vernetztes Quartier, in dem sich alle zuhause fühlen. Am Beispiel der ambulanten Versorgung in Wiesbaden, zeigte Herr Torsten Anstädt wie ein Quartier als real-/sozialvernetztes Viertel und mithilfe intersektoraler Zusammenarbeit zum Erfolg führen kann. Ein Quartier als intersektorale Versorgungsgemeinschaften erhöht die Versorgungssicherheit und -qualität sowie die Standortattraktivität.

Dr. Katharina Kappelhoff, PORT, und Torsten Anstädt, HumaQ gGmbH

 

 

 

 

 

 

 

 

Frau Dr. Katharina Kappelhoff, Geschäftsführerin von PORT. Das Gesundheitsnetzwerk PORT Willingen Diemselsee e. V., versteht sich als ein Gesundheitszentrum, welches allen Menschen aus der Region eine umfassende Versorgung bietet. Hierbei geht es um die langfristige Begleitung bei allen gesundheitlichen relevanten Bedarfslagen der in Willingen und Diemelsee lebenden Bevölkerung. Pflegende Angehörige stellen den größten Pflegedienst Deutschlands dar, daher müssen die Betroffenen in den Mittelpunkt gerückt werden. Pflegebedürftigkeit muss durch gute Koordination und präventiv wirkende Interventionen hinausgezögert werden. Im Vortrag wurden die Aufgabe des Case und Care Managements verdeutlicht und dass die koordinierte Versorgung im Netzwerk wichtig ist: Ein individuelles Case Management ermöglicht stabile Versorgungsarrangements, und durch das Selbsthilfekonzept INSEA werden pflegende Angehörige sowie chronisch kranke Menschen gestärkt. Ein selbstbestimmtes Wohnen zuhause kann zum Beispiel durch das Angebot der kostenlosen Wohnberatung ermöglicht werden. Mithilfe des Ehrenamtsnetzwerks wird die in Willingen und Diemelsee lebende Bevölkerung in vielen Bereichen unterstützt.

Podiumsdiskussion

In der Podiumsdiskussion wurden die Ergebnisse aus den Fachforen aufgegriffen und mit der Frage verbunden, was verstärkt angegangen werden sollte. Hierbei wurde betont, wie wichtig die Altenplanung als Ausgangspunkt für einzuleitende Maßnahmen und der bedarfsorientierte Aufbau von Angeboten für die Lebensphase Alter ist. Grundsätzlich sollte die Thematik der Gesundheitsförderung im Alter noch mehr ins Bewusstsein der Verantwortlichen in den Kommunen gerückt werden. Ein gewisser Handlungsdruck besteht, sich zu einer gesundheitsfördernden Kommune zu entwickeln. Themen wie der demografische Wandel, die gesundheitliche Chancengleichheit und die Fachkräftesicherung hängen eng damit und letztendlich mit der Zukunftsfähigkeit von Kommunen zusammen.

Bildergalerie

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Insgesamt nahmen über 80 Akteur*innen aus den Bereichen Gesundheit, Soziales und Senioren der Kommune, Wohlfahrtsverbände, Kirchengemeinden sowie weitere Kooperationspartner*innen und Interessierte aller Regionen Hessens an der Fachtagung teil. Frau Karen Fuhrmann vom Hessischen Rundfunk führte als Moderatorin durch die Veranstaltung. 

Wir bedanken uns bei allen Teilnehmenden für das große Interesse an der Tagung und für den gelungenen Austausch. 

Bei Interesse an den Präsentationen wenden Sie sich bitte an Silke Styber.

 

Fotos: © HAGE/andreasmann.net