25.11.20 - Fachtagung der Senioren- und Generationenhilfen in Hessen 2020

Senioren- und Generationenhilfen vor Ort gestalten


Die 1. Fachtagung „Senioren- und Generationenhilfen in Hessen“ mit dem Titel „Senioren- und Generationenhilfen vor Ort gestalten“ wurde am 25. November 2020 aufgrund der zunehmenden Ausbreitung  von COVID-19 von 15:00 bis 17:15 Uhr online durchgeführt. An der Fachtagung nahmen etwa 120 Personen teil.

Die Fachtagung wurde von Silke Styber, Referentin der Fach- und Vernetzungsstelle Senioren- und Generationenhilfe, HAGE e.V. eröffnet und moderiert.




Historie

Im Rahmen der Seniorenpolitischen Initiative Hessen wurde von 2012 bis Ende 2014 das Modellprojekt „Senioren- und Generationenhilfen“ durchgeführt. In acht ländlich geprägten Modellstandorten wurden Koordinierungsstellen gebildet, haupt- und ehrenamtlich Interessierte informiert und im Aufbau neuer organisierter Nachbarschaftshilfen unterstützt. Hieraus ist ein buntes Angebot unterschiedlicher Unterstützungsleistungen entstanden.

Die Notwendigkeit lokaler Sorgestrukturen ist heute präsenter denn je und wird auch in Zukunft ein wichtiges Handlungsfeld der Altenhilfeplanung sein. Kommunal bedeutet dies, das bunte Angebot unterschiedlicher Unterstützungsleistungen nachhaltig weiterzuführen, auszubauen, zu begleiten und miteinander zu vernetzen.

Die Beiträge der Fachtagung

Dieser Fachtag wurde vom Hessischem Ministerium für Soziales und Integration (HMSI) gefördert. Anne Janz, Staatssekretärin des Hessischem Ministerium für Soziales und Integration, wandte sich mit einem Grußwort an die Teilnehmer und unterstrich, wie wichtig die Themen  ehrenamtliches Engagement und  Senioren- und Generationenhilfen für das HMSI seien. Zum einen wachse die Gruppe der Hochaltrigen, die Unterstützungsbedarfe zur Teilhabe am Leben habe, und der insbesondere Mobilität ermöglicht werden müsse. Zum anderen steige der Anteil der Menschen in der nachberuflichen Phase mit freier Zeit, welche auf kommunaler Ebene in der Sorgekultur unterstützt und gefördert werden müssen. Insbesondere der Digitalschub in der Covid-19 Pandemie solle hier gefördert und weiterentwickelt werden. Die Solidarität in der Zeit der Pandemie zeige, dass die generationenübergreifenden Projekte ein wichtiger Bestandteil sind. Es werden weitere Fachtage folgen, welche durch das Hessische Ministerium für Soziales und Integration unterstützt werden.


1. Fachvortrag

„Informelle Nachbarschaftshilfe – Struktur und Potenzial für lokale Sorgestrukturen“

Prof. Dr. Sabine Fromm, Akademische Leitung des "Kompetenzzentrums Soziale Innovationen, Methoden und Analysen (KoSIMA)" an der TH Nürnberg

Prof. Dr. Sabine Fromm und Prof. Dr. Doris Rosenkranz führten in 2018 in Nürnberg eine Studie durch, die zum ersten Mal die Strukturen und Bedingungen informeller, privater, nachbarschaftlicher Unterstützungen detailliert und repräsentativ für eine Kommune sowie ihr Potential für die soziale Kohäsion untersuchte.

Die Ergebnisse werden in dem Buch „Unterstützung in der Nachbarschaft Struktur und Potenzial für gesellschaftliche Kohäsion“ vorgestellt. Mit ihrem Fachvortrag „Informelle Nachbarschaftshilfe –  Struktur und Potenzial für lokale Sorgestrukturen“ gab sie dazu einen Einblick.

Menschen leben gerne in Nachbarschaften, auch wenn man sich nicht kennt oder nur selten begegnet. In der Studie wurde das erste Mal die informelle Nachbarschaft untersucht. Und auch wenn ein „Spaltungsdiskurs“ wahrgenommen wird, gibt es einen starken Zusammenhalt in den Nachbarschaften.

Die Untersuchung zeigt, dass die erste Unterstützung vorwiegend aus der Familie und dem Freundeskreis kommt. Oft ist es die Angst, die eigene Privatsphäre zu offenbaren, welche daran hindert, Nachbarn um Unterstützung zu bitten. Anders sieht es bei den Hochaltrigen aus. Hier bekommt ein Drittel Unterstützung durch informelle Nachbarschaftshilfen.

Die Untersuchung zeigt aber auch, dass Nachbarschaftshilfen soziale Netzwerke nicht kompensieren. Das heißt, wer sozial isoliert ist, bekommt auch weniger Nachbarschaftshilfen. Und dass die informelle Nachbarschaftshilfe von der Struktur der Sozialräume abhängt. Hier ist es Aufgabe der Kommunen, zum Beispiel mit Hilfe von Begegnungsstätten, förderliche Sozialräume zu unterstützen.



Fragen an und Antworten von Prof. Dr. Fromm

Im Rahmen der anschließenden Diskussion konnten leider nicht alle Fragen der Teilnehmer gestellt werden. Diese wurden im Nachgang an  Prof. Dr. Fromm gestellt. Im folgendem die Antworten dazu:

  • Waren die Fragebögen mehrsprachig gestaltet?

Nein, dagegen haben wir uns aus mehreren Gründen entschieden: Viele Befragte mit Migrationshintergrund (MigH) reagieren eher irritiert, wenn sie nicht in deutscher Sprache angesprochen werden. Es wäre auch gar nicht möglich, Personen mit MigH durch die Adressdaten zu identifizieren, lediglich Personen mit ausländischer Staatsangehörigkeit. Man hätte jeder Person sowohl den deutschen als auch alle Fragebögen in anderen Sprachen zuschicken müssen, was erstens viel zu viel Papier gewesen wäre und damit unübersichtlich und außerdem die Druck- und Portokosten in exorbitante Höhen getrieben hätte. ABER: Wir richteten während der Feldphase eine mehrsprachige Projekt-Hotline ein, die wir mit muttersprachlichen Studierenden (türkisch, rumänisch, ukrainisch, russisch, englisch) besetzten. Und dem Fragebogenlag ein mehrsprachiges Info-Blatt bei, das den Sinn und Zweck der Befragung in wenigen Sätzen erklärte und auf die Hotline verwies.

  •   Hängt die Nachbarschaftshilfe davon ab, wie lange Menschen als Nachbarn miteinander leben?

Ja, und zwar in Zusammenhang mit der Bebauungsstruktur: In Stadtrandgebieten mit vielen Einfamilienhäusern, langer Wohndauer und im Durchschnitt älterer Bevölkerung sind nachbarschaftliche Beziehungen stärker. Aberauch in den Innenstadtrandgebieten (hohe Bebauungsdichte, niedrigere Einkommen, viele Menschen mit MigH) kümmern sich viele gerade um ältere Nachbarn. In den Gebieten mit vielen (jungen) Ein-Personen-Haushalten (HH), hoher Fluktuation usw. sind die nachbarschaftlichen Beziehungen zwar eher schwach ausgeprägt, aber es gibt eine große Bereitschaft/Interesse dafür. Hier müsste man an geeignete Kommunikationswege usw. denken, um diese Personen für ein Engagement zu gewinnen.

  • Gibt es Mehrgenerationen-Wohnprojekte in Nürnberg? Wenn ja, sind die Ergebnisse dort anders?

Die gibt es (auch wenn ich darüber nicht viel weiß). Da das aber nur kleine Projekte sind, können sie statistisch nicht ins Gewicht fallen.Die Stadt Nürnberg ist generell im sozialen Bereich sehr aktiv; unter anderem haben wir hier die Seniorennetzwerke, die für Sie vielleicht interessant sein könnten: www.nuernberg.de/internet/seniorenamt/seniorennetzwerke.html

  • Werden diese Analysen auch in kleineren Kommunen und Gemeinden durchgeführt bzw. kann man sie durchführen lassen?

Unsere Studie ist aussagekräftig für größere Städte. Aus verschiedenen Kooperationen und Projekten summieren sich die Hinweise, dass insbesondere das Annehmen von Unterstützung im ländlichen Raum (noch) schwieriger ist. Im Rahmen einer Masterarbeit hat eine Studentin die Bedingungen für aktuelles und künftiges Engagement in einem Dorf untersucht: Es zeigt sich, dass die Gewichtung der Rahmenbedingungen (Zeitaufwand, Möglichkeit wieder „auszusteigen“ usw.) ähnlich ist. Hier bräuchte es dringend weitere Untersuchungen. Ich leite derzeit ein größeres Projekt, in dessen Rahmen eine Befragung im ländlichen Raum geplant ist und bei der es auch um Formen informeller Unterstützung gehen wird, allerdings erst 2022. Der Schwerpunkt der Studie wird auch ein anderer sein. Aber grundsätzlich wäre das ein Thema – generell die Entwicklung von Sorgestrukturen in ländlichen Räumen – an dem ich sehr interessiert bin. Man müsste für ein größeres Projekt, aber eine geeignete Finanzierung finden. Es gibt dazu immer wieder Ausschreibungen, und in einem solchen Rahmen wäre es natürlich möglich, Kooperationen aufzubauen.





2. Aus der Praxis

Miteinander und Füreinander Oberes Fuldatal e.V.

Susanne Roser und Dr. Hans Unbehauen 

Im ersten Praxisbeispiel stellt Susanne Roser gemeinsam mit dem Vorsitzenden des Vereins, Dr. Hans Unbehauen, ihre Arbeit vor. Der Verein wurde 2007 über drei Kommunen gegründet. Ziel des Vereins sinddie gesellschaftliche Teilhabe sowie die Gestaltung des demografischen Wandels im ländlichen Raum. Der Verein wurde von Anfang an von den Kommunen unterstützt. Es wurden Begegnungsräume geschaffen, um einen niedrigschwelligen Zugang zu ermöglichen. Über die Jahre hatte sich gezeigt, dass eine höhere Fachlichkeit notwendig war. Die Anzahl der hauptamtlichen Mitarbeiter wurde daraufhin erhöht und der Verein wurde Mitglied beim Paritätischen Wohlfahrtsverband. Über die Zeit war und ist Öffentlichkeitsarbeit immer ein wichtiger Bestandteil, um ehrenamtliche Mitarbeiter zu gewinnen.

Website: www.mit-und-fuer.de

Generationenhilfe Büttelborn für das Netzwerk Generationenhilfe des Landkreises Groß-Gerau

Melitta Peter und Frau Hannelore Kemper-Sishko

Im zweiten Praxisbeispiel wird das Netzwerk Generationenhilfe des Landkreises Groß-Gerau und die Generationenhilfe Büttelborn durch Melitta Peter und Frau Hannelore Kemper-Sishko vorgestellt. Das Netzwerk Generationenhilfe des Landkreises Groß-Gerau existiert schon seit über zehn Jahren. Der Landkreis unterstützt die Vereine der Generationenhilfen, u. a. mit einer Ehrenamtssuchmaschine, mit der Organisation von Netzwerktreffen zum Austausch sowie einer dauerhaften Ansprechpartnerin im Bereich Soziales beim Kreisausschuss. Der Verein Generationenhilfe Büttelborn ist ein Verein mit und für  alle Generationen und weist ein Vielfältiges Angebot auf. Ein aktuelles Projekt ist zum Beispiel das mobile Café, welches über „Echo hilft“ mit finanziert worden ist.

Website: www.kreisgg.de/familie/senioren/dabeisein-im-alter
www.generationenhilfe-buettelborn.de

N(M)achbarschaften u(U)nternehmen Zukunft, Stadt Hanau

Barbara Heddendorp 

Das dritte Praxisbeispiel kommt aus der Stadt Hanau und wird von Barbara Heddendorp präsentiert. Die Stadt Hanau hat den Mehrwert und das Potential seiner Bürger*innen erkannt und unterstützt dies. Dabei ist es dem Bürgermeister wichtig, dass die Bürger*innen nicht fremdbestimmt werden, sondern ihre Vorstellungen einbringen und mitbestimmen. In den Stadtteilen gibt es selbständige Vereine mit eigenen Treffs. Die Webseiten der Vereine sind mit der Webseite der Stadt verlinkt. Die Stadt Hanau unterstützt mit regelmäßigen Austauschtreffen, Informationen zur Digitalisierung oder Fördergeldern, Schulung der Vereinsvorstände u.v.m.

Website: www.hanau.de/vielfalt-leben/buergerengagement/nachbarschaften/index.html


Wir sagen DANKE!

Wir danken ganz herzlich allen Referentinnen und Referenten und allen, die zum Gelingen der 1. Fachtagung „Senioren- und Generationenhilfen in Hessen“ beigetragen haben, sowohl vor als auch hinter der Kamera.

Ergebnisse der Teilnehmer-Befragung

Vielen Dank für Ihr Interesse an der 1. Fachtagung „Senioren- und Generationenhilfen in Hessen“ und für Ihre freundlichen, motivierenden Rückmeldungen!

Wir hatten gefragt, welche Tageszeit Ihnen für ein digitales Austauschforum passen würde. Hier gaben zwei Drittel der Befragten nachmittags ab 15:00 Uhr und ein Viertel vormittags ab 10:00 Uhr an.

Die Rückmeldungen zeig, dass großes Interesse an mehr Informationen und Austausch besteht. Bei der Frage, welche Themen für Sie wichtig seien, stehen die Themen Fördergelder und Finanzierungsmöglichkeiten im Vordergrund. Weitere Themenwünsche waren u. a., Netzwerkarbeit, Digitalisierung, Sozialraumanalyse, interkulturelle Arbeit, generationenübergreifende Angebote, Gewinnung der Babyboomer für das Ehrenamt u.v.m.

Wir werden Ihre Themenwünsche im Rahmen des Angebots der monatlichen Austauschtreffen aufgreifen.

Bei der Frage nach aktuellen Herausforderungen standen die Auswirkungen der Covid-19 Pandemie im Vordergrund. Insbesondere Kontakt zu halten, sowohl zu den Ehrenamtlichen als auch den zu Unterstützenden, wird als herausfordernd empfunden. Weiter bereitet das Wegbrechen vieler Angebote Schwierigkeiten.  Die Gefahr der Vereinsamung der Senioren wurde mehrfach benannt. Darüber hinaus wurden Probleme der Finanzierung von Hauptamtlichen, insbesondere in kleinen Kommunen, aber auch die fehlende Unterstützung durch die Kommunen selbst, genannt. Die benannten Herausforderungen sind sehr vielfältig, zeigen aber auch, wie sehr hier alle Beteiligten bemüht sind, weiterhin Unterstützung anzubieten.

Hier unsere Bitte an Sie:

Nehmen Sie gerne Kontakt zur Fach- und Vernetzungsstelle Senioren- und Generationenhilfe auf und lassen Sie uns miteinander schauen, wie wir die Herausforderungen gemeinsam bewältigen.

HAGE e.V.
Fach- und Vernetzungsstelle Senioren- und Generationenhilfe
Tel +49 (0)69713 76 78-35
silke.styber@hage.de

Programm der Fachtagung

Moderation: Silke Styber, Fach- und Vernetzungsstelle Senioren- und Generationenhilfe

14:45 Uhr  Ankommen und einloggen

15:00 Uhr  Grußworte

  • Anne Janz, Staatssekretärin Hessisches Ministerium für Soziales und Integration

15:15 Uhr  Fachvortrag „Informelle Nachbarschaftshilfe –  Struktur und Potenzial für lokale Sorgestrukturen“

  • Prof. Dr. Sabine Fromm, Akademische Leitung des "Kompetenzzentrums Soziale Innovationen, Methoden und Analysen (KoSIMA)" an der TH Nürnberg

15:55Uhr  Aktive Pause

16:00 Uhr  Impulse aus der Praxis 

  • Susanne Roser, Miteinander und Füreinander Oberes Fuldatal e.V.
  • Frau Peter und Frau Kemper-Sishko, Generationenhilfe Büttelborn für das Netzwerk Generationenhilfe des Landkreises Groß-Gerau
  • Barbara Heddendorp, N(M)achbarschaften u(U)nternehmen Zukunft, Stadt Hanau

16:30 Uhr   Gruppenarbeit

  • Bedarfe und Herausforderungen

16:50 Uhr  Zusammenfassung und Ausblick 2021

 

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