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Bewegt älter werden in Offenbach: Erfahrungen und Erkenntnisse aus einem Modellprojekt

Bewegung bildet auch im Alter eine wichtige Ressource für Gesundheit und Lebensqualität. Auf den Auf- und Ausbau einer seniorengerechten, bewegungsfördernden Infrastruktur im Stadtgebiet Offenbach am Main zielte Bewegt älter werden in Offenbach am Main, ein Modellprojekt zum Auf- und Ausbau bewegungsfördernder Strukturen für ältere Menschen in der Kommune. Gemeinsam mit der Stadt Offenbach am Main setzte der Arbeitsbereich Gesund altern bei der HAGE das Modellprojekt von August 2020 bis März 2022 um. Felix Weber, Referent für Gesundheitsförderung bei der HAGE, spricht über Erfahrungen und Ergebnisse.

Die HAGE im Interview • Felix Weber


Felix Weber, Sie haben das Projekt federführend mit umgesetzt. Beginnen wir am Anfang: Vor welchem Hintergrund ist das Projekt entstanden?

Den Auf- und Ausbau einer bewegungsfördernden Umgebung idealtypisch mit einer Großstadt umzusetzen, kommunale Bewegungsförderung vor Ort zu unterstützen und aus den Erfahrungen Empfehlungen für andere Kommunen ableiten zu können: Das waren die Gründe für das Modellprojekt. Und die kommunale Altenplanung der Stadt Offenbach nahm die Herausforderungen für die Gesundheit älterer Menschen in den Blick und damit das Thema Bewegung im Alter.

Welche Aspekte standen dabei im Vordergrund?
Im Fokus stand die Stärkung der Bewegungsförderung mit einem komplexen Lebensweltansatz. Eine systematische Weiterentwicklung gesundheitsförderlicher Strukturen sollte mit verhaltenspräventiven Maßnahmen zusammengedacht und umgesetzt werden. Wir wollten bedarfsorientierte, niedrigschwellige Bewegungsangebote aufbauen und im Sozialraum ansiedeln. Außerdem wollten wir einen Zugang zu Menschen mit und ohne Migrationsgeschichte finden. Und last but not least ging es darum, Nachhaltigkeit und Verstetigung zu sichern. 

Haben Sie im Verlauf Zielsetzungen und Erwartungen modifizieren müssen?
Aufgrund der Corona-Situation waren geplante Beteiligungsformate, beispielsweise Fokusgruppeninterviews mit Bürger*innen, teilweise nicht durchführbar. Wir haben dann andere Formate entwickelt, um die Sichtweisen der Zielgruppe zur Bewegungsfreundlichkeit ihres Quartiers einzufangen – zum Beispiel eine Fotoaktion. Hieraus haben wir anschaulich lernen können, wo die Teilnehmenden Entwicklungsbedarf sehen.

Was haben Sie über die Zielgruppe gelernt?
Älteren Menschen ist Geselligkeit vor und nach einem Kurs sehr wichtig. Bei der Gestaltung von Bewegungsangeboten sollte daher immer der soziale Aspekt mitgedacht werden. Im öffentlichen Raum sind unter anderem Begegnungs- und Sitzmöglichkeiten oder auch öffentliche Toiletten wichtige Faktoren für ältere Bürger*innen, um außerhalb ihrer Wohnung mobil zu bleiben. Ein weiteres Ergebnis ist, dass ältere Menschen nicht ausschließlich über Medien wie Zeitung, Flyer oder Internet zu erreichen sind: Die persönliche Ansprache zum Beispiel in Seniorentreffs oder auch in Einrichtungen von Glaubensgemeinschaften muss hinzukommen; erstaunlich viel hat sich über Mund-zu-Mund-Propaganda innerhalb der Zielgruppe verbreitet – was man in zukünftige Kommunikationsstrategien gezielt einbeziehen kann.

Viel ist erreicht worden – wenn Sie das Wichtigste zusammenfassen: Was ist das?
Verschiedenste Interessengruppen in der Kommune wurden für das Thema sensibilisiert, mit den relevanten Akteur*innen vor Ort wurde ein gemeinsames Verständnis zum Thema entwickelt. Durch die Etablierung einer Steuerungsgruppe mit kommunalen Vertreter*innen aus unterschiedlichen Bereichen und Ämtern entwickelten sich produktive Synergien für Maßnahmen und Aktivitäten. Auch konnten wir weitere Kooperationspartner ermitteln, die wichtige Schnittstellen oder einen Mehrwert für das Projekt bieten. Auf Basis der Ergebnisse einer Ist-Analyse haben wir zudem vielfältige Maßnahmen bedarfsgerecht entwickelt, umgesetzt und modifiziert; viel Resonanz hat in diesem Zusammenhang der Kurs Rollator fit erfahren: Hier übten Seniorinnen und Senioren mit ihren Rollatoren das Ein- und Aussteigen sowie das Bewegen in Linienbussen.

Kann das Projekt verstetigt werden?
Erfreulicherweise ja – dazu wird die Steuerungsgruppe als Netzwerk durch die Koordinierungsstelle Offene Seniorenarbeit weitergeführt. Durch sie wird eine kontinuierliche Begleitung der neuen Bewegungsangebote sowie die Erhaltung der Vernetzungsstrukturen gewährleistet.

Welches sind zentrale Erkenntnisse für ähnliche Projekte in der Zukunft?
Für den Erfolg eines solchen Projektes müssen eine Gesamtkonzeption und ein strukturiertes Vorgehen den Rahmen bilden. Voraussetzungen, um das Thema in einer Kommune zu bespielen, sind der Einbezug und das Engagement erstens der Bürgerinnen und Bürger, zweitens der lokalen Strukturen und Netzwerke sowie drittens der verschiedenen Praxisfelder, um Bewegungsförderung bei diesen als intersektorale Aufgabe bewusst zu machen.

Und was ist wichtig für den Erfolg vor Ort?
Für die Aktivitäten in den Quartieren vor Ort bzw. in den Stadtteilen sind der Setting-Bezug und die Sozialraumorientierung Erfolgsfaktoren. Angebote sollen vor allem in nutzbaren, nahen und vertrauten Räumen in Quartier, Nachbarschaft und Gemeinde stattfinden. Dabei sollte der Blick auf den sozialen Aspekt, also die Verbindung von Bewegung und Begegnung, gelegt werden. Bewegung lässt sich nämlich prima als "Nebenprodukt" in Begegnungsangebote einbauen, sie muss gar nicht nur in Sportstätten und im Rahmen von Bewegungsangeboten stattfinden.




Wenn Sie mehr wissen möchten:
felix.weber@hage.de
Tel. +49 (0)69 713 76 78-55



Mit Felix Weber sprach Claudia Mauelshagen.
Foto: © HAGE