Bedarfs- und Bedürfniserhebung im Projekt „Bewegt Älter werden in Offenbach“


Gesundheits- und bewegungsförderliche Maßnahmen sollten gezielt auf die Bedarfe und Bedürfnisse vor Ort zugeschnitten sein und über direkten Kontakt in Kooperation mit verschiedenen Akteur*innen, der Zielgruppe der älteren Menschen entwickelt und durchgeführt werden. Die Bedarfs- und Bedürfnisanalyse der Zielgruppe hinsichtlich Barrieren und fördernder Faktoren eines aktiven Lebensstils (Zeit, Ort, Infrastruktur, Angebote, Wünsche der Zielgruppe etc.) sind hier relevant. 

Um die Alltagsbewegung von älteren Menschen zu fördern und eine seniorengerechte Gestaltung des Stadtgebietes Offenbach am Main voranzubringen, werden im Projekt „Bewegt älter werden in Offenbach“ mit unterschiedlichen Methoden Bedarfs- und Bedürfnisanalysen durchgeführt. Hierbei sind quantitative und qualitative Beteiligungsmöglichkeiten geplant, die auf unterschiedlichen Ebenen durchgeführt werden. 

Fotoaktion als Teil der Einbindung von Seniorinnen und Senioren

Um die persönlichen Eindrücke und Sichtweisen festzuhalten, wurden die über 60-Jährigen Bürgerinnen und Bürger in Offenbach am Main dazu aufgerufen, Ihre Eindrücke des Wohnviertels und der Wohnumgebung mit dem Handy oder Fotoapparat festzuhalten und der Projektgruppe zu senden. Sie konnten damit zum Beispiel zeigen, welche Ihre Lieblingsorte sind, und machten Bilder vom Stadtteil, wie Sie ihn sehen: Welche Plätze machen für Sie Ihr Quartier attraktiv und lebenswert? Was ist nicht so schön und sollte verändert werden? Wo treffen Sie gerne Freunde und halten sich gerne auf? Beispiele können Plätze, Parkanlagen oder auch der Weg zu nächstgelegenen Geschäften oder Einrichtungen sein.

Die zugesandten Fotos gehen in die Betrachtung der Stadt Offenbach am Main als bewegungsfreundliche Stadt ein. Es sollen damit Möglichkeiten zur Verbesserung der Infrastruktur für Ältere aufgezeigt werden. Darüber hinaus fließen die Fotos der Offenbacherinnen und Offenbacher in die Maßnahmenentwicklung der Projektgruppe mit ein, um beispielsweise das Wohnviertel zu gestalten. Die Fotos sollen dann u.a. in den Seniorentreffs im Rahmen einer Fotoausstellung zu sehen sein.

Angelehnt ist die Form der Bedürfniserhebung an die Photovoice-Methode*, die in ihrer ursprünglichen Form aufgrund der Corona-Verordnung derzeit nicht umgesetzt werden kann. 


*Photovoice-Methode: eine partizipative Methode, in der Fragestellungen idealerweise gemeinsam mit der Zielgruppe erarbeitet und mit Hilfe von eigens hergestellten Fotoaufnahmen in der Gruppe beantwortet werden. Durch die Form der Bürgerbeteiligung sollen Veränderungen angestoßen und angeregt werden, indem die Fotografien in Gruppen diskutiert werden. Verbunden ist die Methode mit dem Ziel, Veränderungen anzustoßen (vgl.: Wihofszky, 2020).

Bürgerumfrage zur Wohnumgebung

Um die Alltagsbewegung von älteren Menschen zu fördern und eine seniorengerechte Gestaltung des Stadtgebiets Offenbach am Main voranzubringen, startete das Projekt „Bewegt älter werden in Offenbach“ eine Bürgerumfrage Ende Januar. 300 zufällig ausgewählte Offenbacherinnen und Offenbacher über 60 Jahre wurden mit Hilfe eines Fragebogens um ihre Einschätzung der Bewegungsfreundlichkeit ihres Wohnviertels gebeten.

Das Projekt „Bewegt älter werden in Offenbach“, nun auch mit eigenem Signet, ist aus dem Modellprojekt „Auf- und Ausbau bewegungsfördernder Strukturen für ältere Menschen in der Kommune“ der Stadt Offenbach am Main und der HAGE – Hessische Arbeitsgemeinschaft für Gesundheitsförderung e. V (HAGE e.V.) hervorgegangen. Es möchte die Alltagsbewegung von älteren Menschen fördern und setzt sich dabei auch für eine seniorengerechte Gestaltung des Stadtgebiets Offenbach am Main ein.

„Lebensqualität bis ins hohe Alter, das wünschen wir uns alle - und dafür braucht es eine gute Gesundheit. Eine der wichtigsten Ressourcen bildet dafür die Bewegung im Alltag“, erläutert Gesundheitsdezernentin Sabine Groß. Aktivität und Bewegung im Alltag erhalten die Gesundheit, mindern Krankheits- und Sturzrisiken und steigern die soziale Teilhabe und das persönliche Wohlbefinden, kurz die Lebensqualität.

Bürgerumfrage

Doch wie ist die aktuelle Situation für ältere Menschen vor Ort in Offenbach? Wie stellt sie sich den Bürgerinnen und Bürgern dar? Wo muss ausgebaut und nachgebessert werden? Um dies zu erfahren, wurden Ende Januar 300 per Zufall ausgewählte Offenbacherinnen und Offenbacher, die 60 Jahre oder älter sind, von der Stadt Offenbach am Main mit einem Fragebogen angeschrieben. Darin wurden die Befragten um ihre Einschätzung der Bewegungsfreundlichkeit des eigenen Wohnviertels gebeten. Welche Rolle spielt beispielsweise die Bewegung für die Menschen ab 60 Jahren in Offenbach am Main im Alltag und wie nehmen sie ihren Stadtteil wahr? Gefragt ist die Einschätzung der dort lebenden Seniorinnen und Senioren. „Die Umgebung, in der Sie wohnen, spielt eine wichtige Rolle für Ihre Bewegung im Alltag. Dafür brauchen wir die Mithilfe der Seniorinnen und Senioren“, betont Sozialdezernentin der Stadt Offenbach am Main, Sabine Groß.

Die Ergebnisse der Befragung sowie weitere Daten aus der Bestandsaufnahme zu den Bewegungsangeboten von den verschiedensten Einrichtungen, wie Sportvereine, Kirchen und Fitnessstudios fließen in die Maßnahmenentwicklung der Projektgruppe mit ein. Damit sich Seniorinnen und Senioren unter anderem gerne draußen bewegen, erarbeitet die Projektgruppe attraktive Möglichkeiten und Maßnahmen, um zum Beispiel das Wohnviertel zu gestalten oder weitere Bewegungsangebote vor Ort zu schaffen. Akteure der Projektgruppe sind neben den Bereichen der städtischen Verwaltung (Sozialamt, Stadtgestaltung, Sportamt), Vereine und Wohlfahrtsverbände.



Ergebnisse der Bürgerumfrage und Fotoaktion

Um die Alltagsbewegung von älteren Menschen zu fördern und dabei die seniorengerechte Gestaltung des Stadtgebiets Offenbach in den Blick zu nehmen, befragte das Projekt „Bewegt älter werden in Offenbach“ Bürger und Bürgerinnen über 60 Jahre und rief zur Beteiligung an einer Fotoaktion auf. Die Bedarfs- und Bedürfniserhebung im Projekt ergab, dass Treffpunkte, Begegnungen, Sitzmöglichkeiten und öffentliche Toiletten wichtige Punkte für die Befragten und ihre Bewegung sind.

Aus der Ist-Analyse ergeben sich folgende Ergebnisse:

Erreichbarkeit zu Fuß

Laut der Befragten ergibt sich aus der Ist-Analyse, dass im Stadtgebiet Offenbach bereits eine gute Infrastruktur (Einzelhandel, ÖPNV, Grünanlagen) besteht. Besonders öffentliche Verkehrsmittel sind innerhalb weniger Minuten erreichbar für die Senioren und Seniorinnen. Geschäfte, öffentliche Einrichtungen und Verkehrsmittel sind fußläufig gut zu erreichen. Dies spiegelt eine gute Ausgangslage für die Alltagsbewegung wieder. Lediglich die lokalen Einrichtungen wie Post, Bank, Sport- und Freizeiteinrichtungen können durchschnittlich in einer Viertelstunde oder in einem längeren Zeitraum erreicht werden.

Verkehrssicherheit

Die Umfrage zeigt, dass die allgemeine Verkehrssicherheit für Radfahrer und Fußgänger eine wichtige Rolle für Offenbacher und Offenbacherinnen einnimmt. Die Verkehrssicherheit für Radfahrer ist besonders den 60 bis 69-Jährigen „sehr/eher wichtig“. Bei Betrachtung der Verkehrssicherheit für Fußgänger nimmt die Wichtigkeit erst im Alter zu. Dies wurde durch die Fotoaktion verdeutlicht. Die zugesendeten Bilder zeigten zugeparkte Gehwege bzw. nicht vorhandene Gehwege sowie eine Vielzahl von Stolperfallen. Dabei ist die Instandhaltung der Rad- und Fußwege sehr wichtig für die Straßenverkehrsteilnehmer.


Voraussetzung von Bewegung

Als besonders relevant für die Fortbewegung im eigenen Wohnviertel sehen die Senioren und Seniorinnen die Verfügbarkeit von öffentlichen Toiletten. So geben 66% der Befragten an, dass sie sich „neue öffentliche Toiletten“ im Stadtgebiet Offenbach wünschen, um draußen aktiv sein zu können. Weitere Anmerkungen aus der Befragung sind fehlende Treffpunkte und Sitzmöglichkeiten, welche Begegnungsmöglichkeiten für Bürger und Bürgerinnen schaffen. Zudem müssen Parks und Grünflachen erhalten und gepflegt werden. Sie werden als besonders wertvoll für die Offenbacher und Offenbacherinnen angesehen.

Hintergrund und Methodik:

Das Projekt in Zusammenarbeit mit der Stadt Offenbach am Main und der HAGE – Hessische Arbeitsgemeinschaft für Gesundheitsförderung e.V. (HAGE e.V.) befragte im Zeitraum von Januar bis Februar 2021 Bürger und Bürgerinnen über 60 Jahre.

Für die Umfrage wurden 300 zufällig ausgewählte Offenbacher und Offenbacherinnen über 60 Jahre angeschrieben und um eine persönliche Einschätzung zur Bewegungsfreundlichkeit ihres Wohnviertels gebeten. Die Umfrage erfolgte anhand eines standardisierten Fragebogens. Er beinhaltete Fragen, wie zum Beispiel zu Arten von Wohnhäusern in der Nachbarschaft, Entfernung zu lokalen Einrichtungen, Infrastruktur der Fuß- und Radwege in der Wohnumgebung, Attraktivität des Wohnviertels und die eigene körperliche Aktivität. Die Teilnehmer konnten den Fragebogen postalisch zurücksenden. Insgesamt nahmen über 100 Offenbacher und Offenbacherinnen über 60 Jahre teil (Rücklaufquote von 34%). Dabei zeigte sich die Umfrage hinsichtlich der Geschlechter- und Altersverteilung sowie der Verteilung auf die unterschiedlichen Stadtteile in Offenbach als repräsentativ.

Neben der Bürgerbefragung fand im Rahmen des Projekts eine Fotoaktion von Februar bis März 2021 statt. Ziel der Aktion war es, dass die Senioren und Seniorinnen ihre Eindrücke des Wohnviertels und der Wohnumgebung mit dem Handy oder Fotoapparat festhielten.

Sie konnten zum Beispiel ihre Lieblingsorte zeigen, die das Quartier attraktiv und lebenswert machen oder auch Wege oder Plätze, die nicht so schön sind und verändert werden sollten. Der Aufruf zur Mitmachaktion erfolgte über Begegnungsstätten wie Seniorentreffs, Freiwilligenzentren und das Mehrgenerationenhaus. Insgesamt nahmen 30 Bürger und Bürgerinnen das Angebot wahr und sendeten ihre Fotos per Email zu. Daraufhin wurde mit einzelnen Teilnehmern Kontakt aufgenommen und sich weiter ausgetauscht. Studien zeigen, dass Bewohner in Stadtteilen und Quartieren mit den Merkmalen Infrastruktur, Nutzungsmischung, öffentliche Begegnungsmöglichkeiten und Fußwegen, eine aktivere Lebensweise aufweisen. Aber auch die Stadtteile und Quartiere, die diese Merkmale verfügen, weisen eine höhere Walkability* auf. Somit spielt die Stadtentwicklung eine bedeutende Rolle für Lebensqualität, gesellschaftliche Teilhabe und Alltagsaktivität (Tran und Schmidt, 2014).

*Walkability: ist ein Ansatz zur Charakterisierung einer bewegungsfreundlichen bzw. bewegungsförderlich gestalteten Umwelt. Er umfasst nicht nur die Begehbarkeit, sondern die gesamte Bewegungsfreundlichkeit von Straßenzügen, Wohnvierteln, Stadtteilen und urbanen Räumen.

Mit der Beteiligung an der Bedarfs- und Bedürfnisanalyse konnten die Bürger und Bürgerinnen Entscheidungsträger auf notwendige Handlungsschwerpunkte aufmerksam machen. Diese stellen die Entscheidungsgrundlage für die im nächsten Schritt gemeinsame bedarfsorientierte Planung von bewegungsförderlichen Maßnahmen dar.

Literatur:

Tran, M.C., Schmidt, J.A. (2014): Walkability aus Sicht der Stadt- und Verkehrsplanung. In: Bucksch, J., Schneider, S. (Hrsg.): Walkability. Das Handbuch zur Bewegungsförderung in der Kommune. Bern. Verlag Hans Huber, Hogrefe AG. 61-71.


Bei Fragen zum Projekt und zur Erhebung können Sie sich gerne an die Ansprechpartner des Projekts „Bewegt älter werden in Offenbach“ unter info@hage.de wenden. Weiter können Sie sich auf der Projektseite www.hage.de/aktivitaeten/modellprojekt-zum-auf-und-ausbau-bewegungsfoerdernder-strukturen-fuer-aeltere-menschen-in-der-kommune informieren oder die Geschäftsstelle der HAGE e.V. unter Tel +49 (0)69 713 76 78-0 anrufen.

Ebenso können Sie sich auf der städtischen Homepage  https://www.offenbach.de//leben-in-of/familie_soziales/aelter_werden_in_offenbach/aktivitaeten/projekt-bewegt-aelter-werden-in-offenbach.php zu dem Projekt informieren.

 Das Modellprojekt wird gefördert von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung im Auftrag des Bundesministeriums für Gesundheit.