Über Präventionsketten

Gesamtstrategisches Handeln für ein gelingendes Aufwachsen


Aus der kommunalen Daseinsvorsorge ergibt sich die zentrale Aufgabe für Kommunen, Kindern zu ermöglichen, in einer intakten Umwelt aufzuwachsen, ein gesundes Leben zu führen und positive Zukunftsperspektiven entwickeln zu können. Bei der Umsetzung dieser Ziele werden die Kommunen vor große Herausforderungen gestellt, den Folgen sozialer und gesundheitlicher Ungleichheit zu begegnen. Die mehrdimensionalen Folgen von Armut erfordern von Kommunen einen entsprechend mehrdimensionalen Ansatz, in dem ein gesamtstrategisches Handeln unter Einbeziehung relevanter Akteurinnen und Akteure sowie bestehender Strukturen erforderlich ist. Das Konzept der integrierten kommunalen Gesundheitsstrategie wird im Fachdiskurs als "Zukunft der Public Health Praxis" bezeichnet.

Was sind kommunale integrierte Gesamtstrategien?

Als Präventionsketten werden integrierte Gesamtstrategien bezeichnet, die auf kommunaler Ebene den Rahmen schaffen, um das vielfältige Unterstützungsangebot öffentlicher und privater Träger und Akteure besser zu verbinden. Sie tragen dazu bei, dass dieses Angebot über Altersgruppen und Lebensphasen hinweg aufeinander abgestimmt ist und ineinandergreift. Präventionsketten dienen dazu, allen Bevölkerungsgruppen - und besonders Menschen mit schwierigen oder benachteiligenden Lebensbedingungen - öffentliche Ressourcen zugänglich zu machen, um so unterschiedlichen Bedarfen gerecht zu werden, individuelle, familiäre und soziale Eigenressourcen zu stärken sowie Chancengleichheit zu fördern.

Grundintention von Präventionsketten ist es, die vorhandenen Strukturen zu einer integrierten kommunalen Infrastruktur weiterzuentwickeln, in der alle vor Ort engagierten Akteure zusammenarbeiten, sich ressort- und handlungsfeldübergreifend vernetzen und durch gemeinsames Planen und arbeitsteiliges Handeln präventive Angebote und Hilfen für die Bürger und Bürgerinnen schaffen.

Präventionsketten sind als Strukturansatz zu verstehen, der darauf ausgerichtet ist, ein langfristiges, umfassendes und tragfähiges Netz von Unterstützung, Beratung und Begleitung unter Beteiligung derjenigen zu entwickeln, die unmittelbar betroffen sind. Die Arbeit in und Gestaltung von Netzwerken ist elementar. In einem fortwährenden Prozess werden bestehende und neue Strukturelemente und Akteure so zusammengeführt, dass ein abgestimmtes Handeln im Rahmen einer integrierten kommunalen Gesamtstrategie möglich wird. So können gemeinsam mit den beteiligten Akteuren die zur Verfügung stehenden Finanzmittel, Personalressourcen sowie das bürgerschaftliche Engagement gezielter - das heißt an Bedürfnissen und Bedarf von Kindern, Jugendlichen, Erwachsenen im Erwerbsleben und im Rentenalter ausgerichtet - geplant und umgesetzt werden.

(Quelle: Begriffsbestimmung Präventionsketten, BZgA 2017)

Präventionskette zur Gestaltung der Einflussfaktoren auf Gesundheit
(Bild: Kooperationsverbund Gesundheitliche Chancengleichheit 2013)

Aufbau von Präventionsnetzwerken

Die Darstellung von Richter-Kornweitz und Utermark im "Werkbuch Präventionskette" (2014) betont den integrierten Ansatz, der unterschiedliche Handlungsfelder, Akteure und Aufgaben lebensphasenorientiert zusammenführt.

Abbildung 2: Präventionskette - Lebensphasenorientiert
(Bild: LVG&AFS/BZgA 2013)

Akteure und Institutionen arbeiten übergreifend und lebensphasenorientiert in einem Präventionsnetzwerk zusammen. Sie sichern die Übergänge für das Kind und seine Familie zwischen Angeboten, Institutionen und Settings. Ihre Netzwerke zur Förderung, Unterstützung, Beratung, Bildung, Betreuung, Partizipation und zum Schutz bilden die Präventionskette.

Merkmale einer Präventionskette

Die Umsetzung von Präventionsketten ist durch folgende Merkmale geprägt (Richter-Kornweitz & Utermark, "Werkbuch Präventionskette", 2014):

  • Biografieorientierte Präventionsketten streben eine lückenlose Begleitung von der Schwangerschaft bis zum Berufseinstieg an.
  • Kindzentrierte Präventionsketten orientieren sich an Bedarfen und Bedürfnissen von Kindern, die sie in ihren individuellen Entwicklungsprozessen unterstützen sollen.
  • Netzwerkbasierte Präventionsketten bauen eine interdisziplinäre und fachbereichsübergreifende Zusammenarbeit auf und vernetzen alle beteiligten kommunalen Akteure miteinander.
  • Praxisbezogene Präventionsketten beziehen Kinder und Jugendliche entlang der Altersphasen 0-3 Jahre, 3-6 Jahre, 6-12 Jahre und 12-18 Jahre in kommunale Handlungsfelder ein.
  • Lebensweltorientiert und partizipativ: Präventionsketten sind wohnortnah und niederschwellig angelegt und beteiligen Kinder und ihre Familien in für sie relevanten Prozessen.

Eine Besonderheit von Präventionsketten liegt darin, Entwicklungsübergänge, sogenannte "biographische Transitionen", die ggf. kritische Lebensbrüche in der frühkindlichen Entwicklung (z. B. Übergang von Schwangerschaft - Frühe Kindheit, Kita, Kita-Schule, Schule-Berufseinstieg etc.)  bedeuten, zu begleiten. Diese sind gleichermaßen Schlüsselsituationen für die Betrachtung von Kinderarmut bzw. in der Übergangsbewältigung. Hierfür müssen im Sinne eines präventiven Ansatzes die sozialen, materiellen und kulturellen Lebenskontexte stärker in den Blick genommen werden, um die biographischen Übergänge gemeinsam mit den Kindern und Familien aktiv und ressourcenorientiert zu bewältigen.

Fachübergreifende und interdisziplinäre Zusammenarbeit

Der Auf- und Ausbau von Präventionsketten kann nur in gemeinsamer Verantwortung unterschiedlicher Fachkräfte und Institutionen gelingen. Mit dem Ziel einer Gesamtstrategie bietet diese Neuausrichtung Anlass, sich mit verschiedenen Fachakteurinnen und Fachakteuren sowie Interessensvertretungen aus unterschiedlichen Arbeitsfeldern, Professionen und Fachbereichen in einer Kommune auszutauschen und eine gemeinsame Perspektive zu entwickeln, die sowohl auf die Kinder und Familien als auch auf die Lebenslagen und Folgen prekärer Lebens- und Familienbedingungen schaut. Die Zusammenarbeit in interdisziplinären Präventionsnetzwerken bietet die große Chance, Förder- und Unterstützungsangebote sowie Strukturen bedarfs- und zielgerichtet weiterzuentwickeln. Im Hinblick auf eine zukunftsfähige Analyse der Kosten und Wirksamkeit können Doppelstrukturen vermieden, Zugänge verbessert und Ressourcen gebündelt werden. Grundlage hierfür bilden Erkenntnisse der Jugendhilfe- und Sozial- und Gesundheitsplanung der Kommunen.